Beratung - Deutung

3. Zur Deutung

Eine Deutung ist zwar intendiert, doch ihre Effekte können nicht von Deutenden ausgelöst werden, Ratsuchende entscheiden selbst, wie sie mit einer Deutung umgehen möchten und wie sie sie für sich verwenden möchten. Dieser Umgang und die Verwendung können dann wieder Gegenstand einer Deutung werden, doch erst dann, also niemals im Vorgriff. Eine angemessene Deutung ist nur diejenige, die den Ratsuchenden eine Möglichkeit bietet, mit Hilfe ihres Denkens einen neuen geistigen Raum zu erschließen, der ihnen anschaulich ist und zu dem sie Stellung beziehen können: Sie müssen jederzeit die Möglichkeit haben, eine Deutung abzulehnen. Erst wenn die Ratsuchenden eine klare Vorstellung von diesem Raum haben, sind sie auch in der Lage ihn (durch anderen Umgang als bisher) zu betreten.

Doch der Einlass in die Konkretion benötigt eine mehrdimensionale Erfahrung: Deutungen machen es möglich, dass Ratsuchende sich nicht nur an evtl. verdrängte Inhalte ihrer vergangenen Erfahrungen erinnern, sondern dass ihnen auch Zusammenhänge plötzlich bewusst werden, zu denen sie zuvor keinen Zutritt hatten. „Erst jetzt kommen ihm viele Einzelheiten in den Sinn, die das Wesen vergangener Situationen ausmachten und welche früher kein gemeinsames Bezugssystem und somit keine „Bedeutung“, keine erinnerungsfähige Gestalt hatten. Viele Zusammenhänge, etwa zwischen einer häufigen demütigenden Bemerkung des Vaters, späteren „grund-losen“ Angstzuständen des Patienten und seiner jetzigen Angst in der Übertragung, zwischen seiner Tendenz, die Mitmenschen zu benachteiligen, und einer ähnlichen Haltung der Mutter, die den Sohn insgeheim entwertete und dann im ehrgeizigen Vergleich mit anderen Buben kompensatorisch überbewertete ... Die einzelnen Fakten seines Lebens waren zwar stets da. Sie waren nicht in dem Sinne verdrängt, dass er sie nicht mehr wusste, wohl aber in dem anderen Sinne verdrängt, dass keine erhellenden Zusammenhänge die Fakten miteinander verbanden, so dass diese ein unscheinbares Dasein in der Rumpelkammer der Erinnerung fristeten.“ (21)

Da der Aufbau des unterbewussten Systems (des Lebensstils) in einer Zeit geschieht, in der nicht die Logik zur Abwehr von erneuten Verwundungserfahrungen weiterhelfen konnte, sondern mehr das Ausprobieren von Methoden mit Hilfe von „Versuch und Irrtum“ oder auch durch „Imitation“, haben die antrainierten aversiven Verhaltensweisen zwar ihren Sinn (als Überlebensmethode), doch ist dieser dem Bewusstsein nicht zugänglich. Dadurch entwickeln sich nach der vorlogischen Phase weitere Gestaltungen von Verhalten, die vor allem dem Zweck dienen, peinliche, Sorgen bereitende, Angst machende Verhaltensweisen, die an sich selbst beobachtbar sind, zu tarnen, zu verpacken oder gar auf andere mit Hilfe einer Projektion zu übertragen. Da der logische Bezug fehlt, wird auch dies noch als eigenes Defizit gedeutet, dass eigenes Verhalten unverständlich erscheint. „Peinliche Einsichten, Sinnzusammenhänge, Schlussfolgerungen, die an sich nahe liegend waren, mussten unter der Einwirkung der Angst vom Bewusstsein ferngehalten werden“ (22).

Manche Deutung erscheint so überraschend in ihrer Einfachheit, dass diese Überraschung, das Wundersame an ihr, mit einem „sich wundern“ auch Zweifel gebiert. In ihm zeigt sich noch die Peinlichkeit, die dem eben beschriebenen zusätzlich „erdachten“ Defizit anhaftet. Es ist deshalb leicht möglich, gerade eine solche einfache Deutung als Anlass zu nehmen, sich schuldig dafür zu fühlen, nicht eher darauf gekommen zu sein und möglichst auch ohne Hilfe.

Erkenntnisgewinn bedeutet immer ein Übertreffen bisjetzigen Wissens. Wer dies moralisch wertet, etwa als ein „Besserwerden“, muss (als logische Folge) den Status des Bisjetzigen negativ einstufen, sich also als noch nicht richtig wähnen. Der Erkenntniszuwachs wird dadurch bedroht, er wird vermieden werden, um den bisjetzigen Zustand als „doch sehr gut“ und damit sich selbst als „gut dastehend“ anschauen zu können. Wenn einer Erkenntnis nicht mehr ausgewichen werden kann, wird sich geholfen mit der nicht nachprüfbaren Behauptung „das habe ich gewusst“ bzw. „geahnt“ (siehe auch „Naivschalter“) (23).

Die Deutung - wir verwenden diesen Begriff ab jetzt stets im adversiven Sinne - eröffnet in der Gegenwart eine neue Perspektive, aus der heraus die Vergangenheit anders geschaut werden kann. Dadurch öffnet sich die Zukunft als ein Raum, in dem Menschen sich nicht um ihre Richtigkeit zu sorgen brauchen. Die Vergangenheit kann ohne Schuldfrage angeschaut werden, sobald die Zusammenhänge in ihrer Sinnhaftigkeit erfasst werden können. Verwundung braucht nicht mehr als Makel, als persönliche Schuld, Verwundungsfolgen müssen nicht mehr als Folgen persönlichen Versagens verstanden werden: Die „1.Umdrehung“ (es liegt an mir) wird als Widerfahrnis verstanden und nicht als Zwang zur Selbstbeschuldung. Dadurch wird es möglich, auch mit den Menschen anders umzugehen, die an den eigenen Verwundungen ursächlich (eben nicht: schuldhaft) beteiligt gewesen sind (24). Die Schuldfrage gaukelt vor, als sei Vergangenheit änderbar; nur die Sinnfrage lässt erkennen, dass wir aus dem Fundus der Vergangenheit lernen können, uns hier und jetzt anders zu entscheiden (25).

Die Deutung verändert nichts. Sie lässt jedoch die Fähigkeiten von Menschen zu, Konkretionen zu finden für bisher Unaussprechliches, für heimliche Vorausurteile, unterbewusste aversive Axiome, gedachte „Heilbringer“, die Anlässe genug bieten, die Selbstvorstellung über das Außen zu definieren, die Lernfähigkeit zu begrenzen, über Zweifel sich in scheinbar unüberwindbarer Not zu wähnen und mit Hilfe von Projektionen Rettung von Menschen zu erwarten, die göttergleich Heil(ung) vermitteln sollen für Wunden (26).

„Nicht nur die ursprüngliche Prägung von Glaubenssätzen und -normen wird von unserem emotionalen Erleben und von Personstrukturen gesteuert, auch die selektive Rezeption von Glaubenssätzen und -normen ist davon abhängig. Als potenzielle oder tatsächlich Glaubende kommen wir aus einer bestimmten emotionalen Sozialisation mit Einstellungen, Wertungen, Selbstbildern und Fremdbildern; wir haben bestimmte Botschaften unserer sozialen Umwelt internalisiert.“ (27)

„Nun ist unsere emotionale Prägung nicht etwas unabänderlich Gegebenes, sondern wir können sie durch personale Lernprozesse verändern und korrigieren“ (<28> für „verändern“ reicht der nicht negativ angefärbte Begriff „ändern“ völlig aus).

Eine Deutung ist stets mehrdimensional. Ein Denken in Kausalzusammenhängen ist gefährlicher als ein Denken in systemischen Zusammenhängen (Ernst Petzold fügt hinter das Wort „ist“ leider das Wort „möglicherweise“ ein. <29>)

„Assoziationen ... sind nicht mit Deutungen zu verwechseln! ... Assoziationen weisen lediglich auf mögliche Bedeutungen eines bestimmten Verhaltens ... hin. Sie können manches Mal als spekulative Konstruktionen helfen,“ - sie sind dann auch als solche zu kennzeichnen, z.B. durch die umgangssprachlich saloppe Wendung „ich fantasiere jetzt einfach einmal so vor mich hin“ - „oder sich mit Evidenzcharakter aufdrängen. Man vergesse aber nicht, dass die Evidenz eines sinngemäßen Zusammenhanges noch nicht die Realität ... ist.“ Die Existenz einer Idee, eines Gedankens, einer Assoziation beweist noch nicht ihre Wahrheit. „Was in vielen Fällen verifiziert wird, mag dieses Mal nicht stimmen.“ (30)

Der Philosoph Reiner Wiehl (31) formuliert als ein wesentliches implizites Axiom den wichtigsten Grundsatz jeder „psychologischen“ Deutungsarbeit: „Es kann alles auch ganz anders sein, mit mir, mit dem anderen, mit diesem und jenem.“ An gleicher Stelle nennt er ein zweites Axiom, das als Leitwort für die noologische Arbeit gelten kann: „Es gibt die Möglichkeit eines Lebens, das nicht ein Leben auf Kosten anderen Lebens ist.“

Lebensstile sind geschlossene Systeme. Deutungen bedrohen diese Geschlossenheit und wecken mit Hilfe von unterschiedlichen Retraktionen unterschiedliche gedachte Gefühle (Sensationen), um die Bedrohung abzuwehren. Doch die Abwehr ist erfahrbar, der Widerstand erkennbar, deshalb selbst wiederum deutbar. Der Widerspruch des anderen muss (als logische Folge einer tragfähigen Relation) möglich bleiben als offene, artikulierbare Antwort auf eine Deutung. Das bedarf jedoch auch einer klaren Absprache (Vereinbarung). Nur so kann die Individualität wechselseitig respektiert werden: Das Gegenüber wird ohnehin als fremd erlebt in seiner Einzigartigkeit. Nur in einem geschlossenen System erscheint das Andersartige als fremd und von Irrtümern durchsetzt. „Darin liegt die Wurzel für den Kolonialismus, ja grundsätzlich für eine Unfähigkeit zur Liebe, denn Liebe richtet sich auf Anderes als Anderes.“ (32)

Jede Deutung berücksichtigt, dass sie zwar keine Märchen erzählt, dass ihr Inhalt jedoch in gewisser Weise nicht existent ist für den anderen Menschen. In der Noologie ist es hiermit ähnlich wie in der Mathematik, wie der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Hans Julius Schneider im Hinblick auf die „Psychologie“ sagt: „Z.B. ist die Rede von den Zahlen als denjenigen Gegenständen, für die die Zahlwörter der verschiedenen Sprachen stehen, sicher nicht einfacher zu erklären als die Rede von den Gegenständen der Psychologie. Wer nicht Platoniker ist ... wird leugnen, dass es Zahlen ‚gibt‘, oder er wird zumindest die Notwendigkeit einer Differenzierung und einer Abgrenzung vom Fall der Fiktion andeuten, wenn er sagt: in gewisser Weise gäbe es sie (denn die Mathematik erzählt keine Märchen), in gewisser Weise aber auch nicht.“ (33)

Das Gegenüber einer Deutung ist in der Tat verbalisierte Erinnerung oder verbalisierte Beschreibung, wenngleich es auch Deutungen non-verbaler Kommunikation gibt, die jedoch verbalisierbar und deshalb transformabel ist. Erinnerungen können trügen, Beschreibungen sind in der Regel selektiv. Deutungen selbst abstrahieren nun wiederum selbst, indem sie gegenwärtig machen wollen, was vergangen ist. „Beim Vorgang der Abstraktion sind zwei Elemente Einfallstor der Subjektivität: das, was gerade weggelassen wird und der Kontext, den man auswählt oder begrenzt.“ (34) „Nur in der Vergegenwärtigung der Dualität der ... Erfahrung“ (mit dem Rat suchenden Menschen!) „und nicht in der naturwissenschaftlichen Abstraktion kann Deutung wahr sein.“ (35) Deshalb ist eine ständige Vergegenwärtigung dessen, was die Ratsuchenden gesagt haben und die Wahrnehmung der Wunschfantasien der Deutenden als Korrektiv im jeweiligen Augenblick entscheidende Hilfe zur Unterscheidung von Wesen und Wirklichkeit. Darin erweist sich eine Deutung eben auch als eine den anderen aufnehmende Deutung in einer den anderen annehmenden Offenheit. Das Wissen um das eigene Ursprüngliche, um den eigenen „i-Punkt“, also nicht nur das Wissen um die der eigenen Menschlichkeit auch innewohnende Fähigkeit zu irren, um lernfähig zu bleiben, erlaubt eine Ermutigung, die nicht, ins Fantastische hochgesteigert, das Gegenüber entmutigt. „Unter Ermutigung verstehe ich eine Art des Deutens und Antwortens, die“ dem Gegenüber „unsere nie wankende Zuversicht in seine Wachstumsmöglichkeiten ausdrückt.“ (36) Überspitzt lässt sich mit Viktor von Weizsäcker sagen: „Die unrealisierten Möglichkeiten, das ungelebte Leben ist die Kraft, die das Leben vorwärts treibt, zu sich und das heißt: über sich hinaus.“ (37)

Das Wissen um die Verwundung und um den daraus resultierenden Lebensstil (eben als unbewusstes System) gibt die Möglichkeit, überzeugt und überzeugend die Menschlichkeit des Menschen anzuerkennen, um darin die Möglichkeit für eine kritische Reflexion zu finden, die nicht Person und Verhalten identifiziert, die aufzeigt, dass gerade dann keine Ausweglosigkeit mehr erscheint, wenn Mut als Quelle von Energien den Einlass in eine neue Situation ermöglicht. Das ist besonders wichtig, wenn eine Deutung in offenem Widerspruch gegenüber geäußerten Gedanken der Ratsuchenden not-wendig ist. Der Widerspruch verkommt zur Anklage, wenn die unbewusste Schuldfrage nicht aufgehoben wird, die den Widerspruch als notwendig erscheinen lässt, um eine drohende Degradierung abzuwenden, also um eine mögliche Wiederverwundung zu verhindern. Der Widerspruch ist „rechtens“, doch die Gesprächssituation keine Gerichtsverhandlung (38). Die dem Gegenüber unbewusste Anklage, die ihn zum Verteidiger und Ankläger werden lässt, muss erkannt und dann eben auch bestritten werden. „Wir erklären ihm, dass er nicht so ist, wie er zu sein glaubt.“ (39)

Ein solcher Widerspruch weckt Widerstand oder überraschendes Aufatmen („aha“). Welche Antwort auch immer kommt, sie ist nicht vorhersehbar, und jede steigert die Intensität des Gegenüberseins im Augenblick des Hier und Jetzt. Der Widerstand kann zum Abbruch der Beratungssituation führen (so auch die Vereinbarung), er kann jedoch auch zur Erfahrung führen, dass Menschen immer noch mehr sind als eine Deutung oder ein Widerstand. Er kann zur Möglichkeit führen, Selbstbehauptung zu üben und sich in ihr neu wahrzunehmen als Menschen, die auch das Recht haben, sich aversiv zu verhalten und die Folgen auf sich zu nehmen - d.h.: zu lernen unter erschwerten Bedingungen. Auch hierin können Menschen ihre Würde erfahren, die sie als so verletzt erlebten, dass die Lösung ihrer Konflikte in weiter Ferne schien.

Das überraschende Aufatmen führt von der Deutung zur Erkenntnis durch die Einsicht in die eigene Verwundung und in die aus ihr resultierenden Folgen. „Auf dem Hintergrund der Erkenntnis erlittenen Schadens, unwiederbringlicher Verluste, menschlichen Scheiterns und Verlangens erfährt er seine Würde, seine Lebensstrebungen, sein Recht als Lebender.“ (40)

Deutungen orientieren und erfassen sowohl die Asymmetrie wie auch die Symmetrie von lebendiger Ordnung (41). Dadurch wird es möglich, auch den Hintergrund einer Konfliktsituation zu erfassen, um diese selbst im Zusammenhang des Lebensstils lokalisieren zu können. Die Konflikte erhalten bewusst ihren biografischen Ort, den sie sonst nur numinos haben, als seien sie sozusagen „aus heiterem Himmel“ als missliche Gabe eines ungerechten (oder gar blinden) Gottes namens Zufall über die Ratsuchenden herniedergegangen. Auch hier hilft die Enttarnung der unbewussten Selbstbeschuldung zur Öffnung für Einsicht und Mut.

Durch die Deutung(en) sollen sich Menschen, die sich innerlich zerrissen und von Zweifeln („zwie-fältig“) geplagt erleben, als eine Einheit erleben dürfen, die die Mitte ihrer Persönlichkeit darstellt, die sie trotz aller Verwundungserfahrung eben doch in das Widerfahrnis von „leben“ hinein orientierte und noch immer orientiert. Die Ambivalenz (E. Bleuler) in der Selbstwahrnehmung, die eine Desorientierung vorgaukelt, wird im Horizont der Deutung des Lebensstils zum verstehbaren Ausdruck des Spannungsverhältnisses von ursprünglichen Anteilen und deren Antibotschaften durch Verbote in der familiären Situation. Der mit der Ambivalenz verbundene doppelte Widerspruch (der Antibotschaft wie auch der Sehnsucht, die Antibotschaft überwinden zu können) kann in der mitmenschlichen Dimension (des Verwundet-worden-Seins auch der verwundethabenden Menschen) verstanden werden, so dass die Situation der Entscheidung (griechisch: krisis) nicht mehr als Krise missverstanden zu werden braucht.

Die eindeutigen Benennungen in jeder Deutung vermitteln so nicht nur zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein des Geistes, sondern eben auch zwischen den Relationspartnerinnen und Relationspartnern in den nun bewusst gewordenen Anteilen der eigenen Erfahrungen. Hier gilt das oberste Gebot für jede Deutung (wie es Benedetti analog formuliert hat <42>): Eine Deutung erfüllt ihre Aufgabe dann, wenn der deutende Mensch sich dafür entscheidet, in erster Linie für sein Gegenüber und nicht für andere zu deuten, „selbst da, wo sie eine partielle und unzulängliche ist. Sie sieht nur Teile, aber sie führt durch die Beziehungen zum Ganzen des Menschlichen“. (43)

„Die psychoanalytische Grundregel, die Aufforderung, alles zu sagen, was in den Sinn kommt, (kann) als Ausnützung erlebt (werden). Ein Gefühl der inneren Entleerung, eines Substanzverlustes folgt der Mitteilung, wenn diese überhaupt möglich ist.“ Auch wenn Benedetti (44) hier vom Widerstand bei Kranken spricht, so gilt dieser Hinweis ganz besonders für die Konfliktberatung. Diese zielt auf Einsicht als Erfahrung der Erweiterung der Selbstwahrnehmung und damit eben auch als Erweiterung der Handlungsfähigkeit und: der Wahrnehmung der eigenen Freiheit. Die Wahrung der Intimsphäre ist adversiver Bestandteil des Zusammenhangs von Deutungen, und das ja wohl nicht nur in einer Beratungssituation - dies sollte allgemeine Regel in der menschlichen Kommunikation sein. „Die Deutung ist wie das menschliche Wort überhaupt: es entdeckt und schafft neue Möglichkeiten, indem es lebt.“ (45)

Zur Deutung gehört auch ihr angemessener Ort im Dialog mit den Ratsuchenden. Sie ist fehl am Platz, wenn sie sozusagen einen Punkt setzt. Sie hat ihren Ort an der Stelle, wo die Öffnung zur Einsicht weiteres Fragen ermöglicht, wo Wissbegier nicht als Symptom des Voyeurismus auftaucht, sondern als Lust am Denken, das verschiebbare Grenzen weiten hilft. Nur wer hinhören kann, kann auch deuten; nur wer schweigen kann, ohne sich selbst zu verschweigen, also anwesend bleibt in seiner Menschlichkeit, kann deuten. Und: „Nur wen das Gespräch im wissenschaftlichen und philosophischen Sinne verpflichtet, kann deuten.“ (46)

Hinhörende hören auch ihr eigenes Hören, Hinsehende sehen auch ihr eigenes Sehen, so auch Deutende: Sie deuten in der Deutung stets auch ihre eigene Position und stellen sie gleichzeitig mit der Hingabe anderen Menschen vor. Deutung zwingt nicht, sie lädt ein zum Dialog, durch den Ratsuchende nicht eine fatalistische Kleinmütigkeit einüben, sondern die Selbstannahme als die überraschende Wende in ihrer Situation erleben. Solch eine Erfahrung mag für manche völlig neu sein, für andere wiederum auch nicht.

Für jeden Menschen ist jedoch der Mut ergreifbar, Erfahrungen mit dieser Erfahrung der Selbstannahme zu machen, die es ermöglicht, die Unterschiedenheit der Individuen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung des eigenen Lebensraumes zu erfahren. Begleitet wird sie von einer neuen Sicht auf sich und andere, die dazu führt, dass Ratsuchende ihre Lernfähigkeit gegenüber der Wirklichkeit erkennen als die Möglichkeit, sich von der Wirklichkeit belehren zu lassen und es der Wahrheit selbst zu überlassen, sich zu erklären (47). Sie erfahren in der Selbstannahme auch ihre eigenen Möglichkeiten, ihre Konflikte auf eine Weise zu lösen, die die Menschlichkeit des Menschen bejaht (48).