Disziplin

Disziplin ist nicht mit militärischem Drill verwechselbar. Doch wird sie leicht mit Rücksicht im moralischen Sinne verwechselt: statt im Augenblick einer irrtümlichen Tendenz liebevoll und doch klar dieser entgegenzutreten und die eigene Position zu beschreiben, wird "Rück-sicht" "ge-übt", aus dem unbewussten Grund, sich den Konflikt weder selbst zuzumuten, noch ihn als eigene Verwundungsassoziation (eben "Rück-Sicht", zurücksehen auf...) zu identifizieren. Die scheinbare Alternative, psychologisches Vokabular als Mitstreiter ins Feld zu führen, erübrigt sich; sie ist gewalttätig und deshalb weder vernünftig noch liebevoll.

Die Erfahrung des Überlebthabens der eigenen Verwundung nimmt die Furcht und macht Gewissheit erfahrbar. Wissen als Folge der Disziplin setzt Wahrnehmung von Wirklichkeit von den Anfärbungen frei. Es lässt dann "Welt" als Ort der eigenen Existenz erkennen, zu der das Individuum in unmittelbarer Beziehung steht und der es antwortet durch sein Tun, sein Denken, sein Fühlen - aber eben auch durch sein Schweigen und Zulassen von Zerstörung und Verwundung. Disziplin verwandelt im Augenblick Welt in Herausforderung, lässt Sinn von "leben" als "leben" gebend wahrnehmen: Der Mensch gewinnt die Fähigkeit zurück, zu staunen und sich zu wundern. Er kann weiter denken, statt bloß zu grübeln; er kann weiter fühlen, als bloß sich energisch zu schützen. So erfährt er sein "leben" im Umgang als Antwort.

Darin gründet Disziplin: als Lernfähigkeit gegenüber dem Widerfahrnis von "leben" ist sie jetzt nicht mehr not-wendig; sie ist mehr als notwendig: sie ist sinnvoll. Ihre Nichtnotwendigkeit ist die Möglichkeit, sie eben nicht zu praktizieren. Wir haben im "alten Lebensstil" praktisch ohne sie gelebt und haben überlebt. Wozu also dieser neue Umgang?

Disziplin als neuer Umgang heißt: das eigene "leben" als Antwort auf den eigenen Umgang zu erkennen. Deshalb einmal meine Wahl des Namens "Logo-sophie": der angemessene Umgang mit Sinn (logos) darf Weisheit (sophia) genannt werden - beides wird durch Disziplin zusammengehalten. Nooanalyse will dazu verhelfen, sie ist nicht selbst das, was mit ihrer Hilfe möglich sein soll! Sie basiert auf einer Theorie; der Mensch ist etwas anderes als eine Theorie. Der Mensch ist ... ein Mensch. Er ist mehr als sein Verhalten, mehr als sein Lebensstil. Er ist nicht alles, doch was er ist, ... ganz.

Die Betrachtungsweise in der in Noosomatik Band I 3.18.5. aufgezeigten Antithese unterstützt natürlich das Frontalhirn und bringt keinerlei Irritation für irgendwelche Lebensstile. Es kann sich dann methodisch und über Wörter gestritten werden.

Wer versucht, etwas, was uns verwundet hat, zu erklären, macht sich zum Mittäter. Ich unterscheide zwischen Erklärung und Beschreibung. Wir können Verwundungszusammenhänge beschreiben und darüber Erkenntnisse gewinnen, Wissen anwenden. Aber wir können weder unsere Verwundung nachvollziehen, noch das Wunder, dass wir überlebt haben. Wer also sowohl das eine, nämlich Verwundung, als auch das andere, das Wunder, erklären will, nimmt dem Menschen die Möglichkeit oder will dem Menschen die Möglichkeit nehmen, sein "leben" zu entdecken und das Entdeckte mit anderen gefühlig zu teilen.

  • Wer erklären will, weshalb jemand in der Lage (gewesen) ist, in einem KZ als Schlächter oder Wächter zu arbeiten, vollzieht dessen Tun in der Erklärung geistig nach. Die Brisanz der Gegenwärtigkeit von Geschichte ist dann aus dem Blick, selbst wenn der Versuch gestartet wird (nach dem Motto "wehret den Anfängen"), in der Gegenwart Ansätze des Faschismus wiederzufinden.
  • Analog sehen wir die Verwundung eines Menschen. Die Gegenwärtigkeit seiner Verwundung, die sich ja im Frontalhirn abbildet - (unsere Frontalhirnzellen sterben ja nicht) - die Gegenwärtigkeit einer Verwundung geht dann verloren, wenn die Deutungen der Verwundung als Erklärung missbraucht werden, wenn darüber die Schuldfrage abgehandelt wird. Doch die Erzieher, in der Regel die Eltern, haben keine Schuld, sie haben uns verwundet - und das ist ein entscheidender Unterschied. Denn wenn einer Schuld hat, kann er nicht gleichzeitig anderes haben.

Die Vielzahl an Erklärungsfolgen, die genannt werden können, um dies oder jenes zu rechtfertigen, stellen entweder eine Reizflut dar oder sind der Höhepunkt der Rhetorik des Verschweigens, nämlich der Rhetorik des Verschweigens, die verschweigen will, dass etwas erklärt, aber nichts geändert werden möchte.

Die Deutung einer Verwundung ist kein Vorführen auf eine Anklagebank, weder der Eltern noch der eigenen Person. Das Wissen um unsere Verwundung soll uns den Weg zeigen zur Schönheit unseres "lebens". Die Gegenwärtigkeit dieses Wissens um unsere Verwundung hilft uns, aus der Not herauszukommen, in die wir uns selbst bringen, wenn wir Wissen verdrängen, wenn wir so tun, als gäbe es berechtigte Zweifel an der Möglichkeit zu leben, wenn wir uns herauszuhalten versuchen aus dem Augenblick, der uns geschenkt ist.

Dass uns Logos, Sinn, widerfährt, können wir nicht verstehen, aber den Inhalt von Sinn, den können wir verstehen. Und dann gibt es aber auch etwas, was den Zusammenhang von Verstehbarem, also auch den Logos von Verstehbarem, übersteigt: Wunde und Wunder. Auch zu diesem, den Logos des Verstehbaren Übersteigenden, müssen wir als menschliche Gemeinschaft eine Antwort finden - und in dieser Antwort spiegelt sich immer unsere Weltanschauung wider. Und die können wir in unserem Umgang wiederfinden.