Geborgenheit

Noosomatik Band I: 3.13.8.2.1. Exkurs: Geborgenheit in der Einzigartigkeit

Es gibt religiöse Traditionen, die die Abkehr von der Welt lehren als Weg zur Erlangung einer immerwährenden Seligkeit im Jenseits unserer diesseitigen Vorstellungen. Diese Abkehr kann durch Klosterleben, Eremitendasein oder durch andere Isolationspraktiken erreicht werden. Die subtilsten Arten sind die esoterischen, mit denen man sich nur in so genannten "Eingeweihtenkreisen" bewegen will, um der Teilhabe an einem "neuen Äon" (am neuen Zeitalter, an einem "New Age") sicher zu sein. So lehrten es bereits auch die frühen Gnostiker in vorkirchlicher Zeit.

Hinter dieser universalen religiösen Haltung steckt jedoch stets auch eine Abkehr von dem, was wir deutlicher mit "leben" bezeichnen müssen.

Das Substantiv "Leben" tut so, als habe "leben" ein eigenes Subjekt, das willkürlich agiere. Diese anthropomorphe Vorstellung auf Grund einer Projektion verwechselt die Widerfahrnisse von "leben" (als pathische Kategorie) mit der subjektiven Handhabung von Begrenzung (dem "dürfen") eben dieser Widerfahrnisse durch Erziehung, die uns sagte, was wir meinen "sollen".

Menschen (also auch Erzieher) wollen sagen, was "lieben" ist; denn sie reden von "Liebe", deren Subjekt sie verkörpern. Das ist ihr Trugschluss. Der muss jedoch nicht übernommen werden. Versorgen, beschenken, kümmern sind Namen für Sachverhalte, die auch und viel besser ohne "lieben" auskommen.

Wir wissen um unsere Verwundungserfahrungen und ihre Speicherung im Frontalhirn (siehe Kapitel 5 "Traumatologie" und Noosomatik Bd.V). Ich spreche von Verwundungs-Atmosphäre (VA) und VA-Tendenzen, die nach eingehender Nooanalyse auch benannt werden können. Wir können deuten, was wir aufgenommen haben aus unserer Umwelt; was wir eben auch angenommen haben aus der VA heraus von unseren Erziehern, in der Regel Mutter und Vater. Ich spreche dann vom "schädigenden Erzieher" bzw. von der "schädigenden Erziehung" (sE) und meine per definitionem eben diese Tendenzen, die unterbewusst als auch bewusst von einem schädigenden Erzieher ausgehend auf uns getroffen sind.

Wir wissen um die sinnvolle VA-Erfahrung zur Vermeidung von Symbiose (siehe auch 5.Kapitel "Traumatologie" und dort die Thematik: zur Verhinderung einer biologischen Symbiose unter Punkt 6.) und Abhängigkeiten und zur unterbewusst spontanen und blitzschnellen Reaktionsmöglichkeit auf Gefahrensignale hin.

Wir wissen jedoch auch von Verwundungen, die über dieses natürliche Maß hinausgehen, die uns Überlebenstechniken lernen ließen, die uns in ihren Zusammenhängen von uns selbst und von "leben" so abwandten, dass wir uns selbst gegenüber darin fremd wurden. Ich spreche vom unterbewussten Lebensstil, vom unterbewussten System oder gelegentlich auch vom "Überlebensstil", wenn ich den Schutz meine, den wir vor Wiederverwundung aufgebaut haben, um die inneren Anteile (das Ursprüngliche, den "i-Punkt") nach außen zu verbergen. Und das beste Versteck ist das, was wir selbst nicht kennen.

Fremdes (Nichtselbstiges, also auch Eltern und Geschwister) wurde(n) uns im Gegenzuge bekannt. Wie sie uns bekannt wurden, mag ihnen nicht bewusst sein (wie auch uns vor einer Nooanalyse); da mögen "Welten" dazwischen liegen, schier unüberbrückbar. Doch ein Ahnen um die Menschlichkeit des Menschen bleibt. Unterbewusst suchen wir Bestätigung der Gemeinsamkeiten - und sei es in religiösen Transformationen, in den Bildern und Gestalten religiöser Begrifflichkeit und Lehrmeinung.

Hier bieten sich die asketischen, der Welt abgewandten Methoden Hilfe versprechend an: Im Übergeistigen wird gesucht, was im Geistigen unverstehbar scheint. Die Formen dieser Angebote reichen von streng religiösen bis hin zu säkularen; die einen nennen sich möglicherweise Religion der Tiefe, die anderen Psychologie der Tiefe; Mythologie und Magie bzw. Tiefenpsychologie (oder auch "Höhenpsychologie" wie bei V.Frankl). Kompromisse äußern sich als Mischungen und tarnen sich als "Ganzheitstheorie".

Erlebten wir bereits unsere Erzieher als "pseudo-sinngebende Instanzen", so setzen solche Theorien diese Erfahrungen fort und zielen auf die Projektionsfähigkeit des Menschen, dass er sich mit seinen Vorstellungen und seinen "Gegebenheiten" in ihnen wiederfinde.

Sie sagen: Die Dimension von Sinn, die authentische Dimension des Sinns verschließe sich vor uns; sie lasse sich deshalb nur lehren und glauben; das ist die Maxime der Einstellung, die den Menschen als Mängelwesen denkt, als ein Wesen, das erst noch Mensch werden müsse durch Annahme und Umsetzung der Lehrsätze. Annahme wird zur Vermutung, wie Glaube zur Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Wer sich dieser traditionellen Theorie gegenüber ablehnend verhält, muss mit Folgen rechnen. Wer "lieben" als selbst-verständlichen Umgang für denkbar hält, muss sich als Optimist oder gar als Fantast diffamieren lassen können.

Und wie schnell sind diese Diffamierungen verwertet; wie groß ist die Versuchung, eine eigene Esoterik aufzubauen, um sich von ihnen abzugrenzen und - sich als besser zu wähnen! Das ist die eigentliche Gefahr: Nicht zu sehen, dass man mit den gleichen Waffen kämpft, mit Gewaltangeboten (durch situative Aktionsweisen wie z.B. "Rückzug") oder durch eigene Gewalt (z.B. "Vergeltung").

Das Ja zur eigenen Menschlichkeit (das genuine Gefühl Treue) schließt das Ja zur Menschlichkeit der anderen mit ein; selbst gegenüber den schädigenden Erziehern! Wer auf dem Weg zu sich und dem, was hinter all unserer VA sich verbirgt, nur einen Moment inne hält, um die Andersartigkeit der anderen als Abartigkeit zu deuten, verlässt diesen Weg bereits; selbst wenn er das Vokabular verwendet, das auf Einsicht und Mut schließen lässt. Worte sind ebenso schnell gesagt wie Schuld zugeteilt.

Was macht denn die eigenen Eltern anders? Die Welten, die uns trennen, mögen unüberbrückbar sein, wenn wir das aus Vorderasien zu uns importierte Kulturgut "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt" mit "Du sollst Vater und Mutter belügen, ihnen etwas vorgaukeln, was nicht ist, du sollst dich ihnen und ihren Vorstellungen unterwerfen, bis dass der Tod endlich dich erlöst von ihrer Herrschaft" in Verbindung bringen wollen. Die kulturspezifischen patriarchalen Auswirkungen dieses Gebotes (mit Todesdrohung in der Fluchformel) haben einige unliebsame Folgen gebracht. Doch wer hätte uns zu Richtern über z.B. unsere Eltern eingesetzt - wo es doch um unser Jasagen zur Selbstannahme geht.

Selbst dort, wo Gewalt das Wesentliche der VA-Tendenzen beschreibt, haben wir kein Recht auf die gleichen Waffen. Und wo Gewalt noch immer die Relationen des Sinns verdeckt, bleibt der Abstand, die Distanz ohne Wertung.

Eine Beschreibung der eigenen Position (nicht zu verwechseln mit Rechtfertigung und Entschuldung) hilft uns selbst mehr, als eine tendenziöse Verwertung der VA-Erfahrungen gegen unsere Erzieher. Das von uns so bezeichnete psychologische Recycling (verwerten lassen und dann das Verwerten verwerten) belässt im bisherigen System bei Verwendung eines anderen Vokabulars.

  • Man macht sich keine Sorgen mehr. Man macht sich Gedanken.
  • Man stellt nicht die Schuldfrage. Man meint ja nur.
  • Man will Einsicht. Und man sagt doch bloß "Ja, ich weiß schon."
  • Man trennt Person und Verhalten. Und findet genügend "aber" zur Begründung einer Ablehnung der Person.
  • Man möchte dennoch. Und dann nennt man Versuchung "probieren, wie weit man kommt".
  • Man weiß um den Unterschied von Effekt und Intention. Und doch meint man es ja ehrlich.
  • Die Sprachverwirrung lässt sich steigern zur Politur von Heiligenscheinen, die narren-sicher selbst verliehen sind, wenn's denn sonst keiner tut.
  • Doch: Weder Unterwerfung noch Verwertung beschreibt die Gratwanderung, auf der Treue den Mut aktiviert: Wahrhaftigkeit kennt keine verletzenden Spitzen, selbst wenn die Adressaten es so deuten mögen. Um das Eigene zur Sprache zu bringen, brauchen wir keine flankierenden Maßnahmen (indem z.B. andere als Verursacher genannt werden oder die Umstände, oder, oder, oder...).

Wo tatsächlich eine Distanz von-nöten ist, lässt auch diese sich benennen, ohne dass die Schuldfrage als Gewaltangebot oder als Gegengewalt notwendig ist. Wir sollen nicht unsere Erzieher belehren, wir sollen überhaupt niemanden belehren - sagt der Sinn: er ist belehrend genug. Wie viel ist schon getan worden bei dem Versuch, die Natur belehren zu wollen, Menschen zu belehren - was wie ein Würgegriff in unserer Welt spürbar ist. Wir brauchen keine Opfer von Gewalt zu sein, wir müssen aber auch nicht andere zum Spielball von Unwillen und Willkür machen.

  • Beklagt wird genug. Doch Klagen ist nicht genug. Die Faszination des Dämonischen macht uns zu Mittätern derer, denen wir all das vorwerfen, was so trefflich formulierbar und sprachlich gekonnt sagbar scheint. Umweltverschmutzung ist hierbei stets das, was andere tun. Eigentlich sind alle Opfer. Doch wessen denn?
  • Was hier, gegenüber unseren Erziehern, gebotene Klarheit ist, wird bei Beziehungen zur Not-wendigkeit. Des Menschen Fähigkeit zur Angewiesenheit auf Außenimpulse (gegen alle Esoterik und Askese vom gesunden Menschenverstand) macht uns nicht ärmer, sondern lernfreudiger, also in Wahrheit reicher.

Nicht alles muss von uns ertragen werden; wir können Beziehungen lösen, wo Gewalt ihr Wesen bestimmt. Doch die Wahrnehmung des Andersseins eines andern weist auf die Fähigkeit, zwischen Nichtselbstigem und Selbstigem zu unterscheiden. Diese Unterscheidung darf nicht mit Scheidung verwechselt werden. Schnell sind Beziehungen gekappt und Amputationen werden notwendig, Partner werden austauschbar, "lieben" ist ausgeschlossen durch Absonderung, wo Mut zum Ja zur Menschlichkeit gefordert ist.

Änderungen bei uns bekannten Menschen mögen sie uns fremd erscheinen lassen. Diese Wahrnehmung der Fremdheit ist jedoch kein Anlass, sich in Sicherheit bringen zu müssen vor den Auswirkungen des Andersseins des anderen. Wer hier Rückkehr zum Vorherigen fordert, verlangt die Einführung der Sklaverei in Form der Unterwerfung unter die eigenen Vorstellungen. Wer hier jedoch das Risiko nicht scheut, das Andere als das Neue zu sehen, das die Erfahrung von "leben" uns schenkt, erlebt die Bereicherung für sich selbst, gerade in der Entlastung, etwas anderes sein zu sollen als ein Mensch. Wir sind keine Maschinen und keine Götter - das ist das Geheimnis der Menschlichkeit des Menschen: Der Mensch ist Mensch und ein ganz und gar wunderbares Lebewesen, auch wenn aggressive Maskerade und zerstörerische Verhaltensweisen uns anderes lehren wollen.

Diesen Menschen zu sehen, unabhängig von seinem Verhalten, erschließt Wirklichkeit. Dem Verhalten gegenüber können wir in Variationen Stellung beziehen. Doch der Menschlichkeit des Menschen gilt unser Respekt, unabhängig von Alter, Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft und ... und ...

Oder sollte die UNO-Charta noch nicht einmal das Papier wert sein, auf das sie gedruckt wird? Oder sollten unsere kirchlichen Traditionen im Abendland in ihren Lehren vom irdischen Jammertal und von des Menschen Boshaftigkeit von Jugend an alles ausgelöscht haben, was gesunder Menschenverstand an Klarheit und damit an Gewissheit zu wecken vermag? Den Ursprung allen Seins nicht denken zu können, ist weder ein Defizit, noch bedeutet es, überhaupt nicht denken zu brauchen oder nur gelegentlich oder nur, wenn's passt, oder ...

Wer weniger sagt als die Wahrheit über die Schönheit des Menschen, dass wir von "leben" gewürdigte Menschen sind, ist ein Verleumder der Menschlichkeit des Menschen.

In diese Wahrheit unserer Würde einbezogen sind alle. Auch die, die sich uns gegenüber als Feinde erweisen sollten. Wer sich sein Fühlen vorschreiben lässt, hat nicht an Stärke gewonnen, auch wenn er wie ein Sieger wirkt. Wer sich seines Fühlens nicht schämt, grämt sich auch nicht wegen seiner Schwäche als verwundbarer Mensch. Verletztes Gefühl schmerzt. Nun und? Soll Gefühllosigkeit und/oder Aufgabe des Selbst Unverwundbarkeit erzwingen und Roboter entwickeln, die in ihrem System keinen Fehler mehr machen können?

Mögen auch Angst und Sorge, Trauer und Furcht unsere Verhaltensweisen gelegentlich mehr bestimmen, als uns lieb ist: Nur wer sich seiner Menschlichkeit schämt, kann glauben, er habe kein Frontalhirn, kein Unterbewusstes des Geistes mehr. Solange wir leben, bleiben uns auch diese Impulse (sonst wären wir in Gefahrensituationen nicht reaktionsschnell genug!), die wir nicht mit einem "Ach, schon wieder" des Heulbojen-Syndroms begleiten, sondern mit der wachen Frage "Wie diesmal?". Denn was will "ein Mensch geben als Tauschmittel für sich selbst?" (Matthäus 16,26)