Walter Alfred Siebel

Die Noologie setzt hier jedoch einen Doppelpunkt: sie riskiert den schwierigeren Weg der Erfahrung von Sinn, ohne diesem eine Disziplinargewalt zuzuschreiben. Sie rechnet mit der Irrtumsfähigkeit des Menschen auch und gerade gegenüber einer Sinnerfahrung. Erst Erfahrungen mit der Erfahrung stabilisieren individuelle neue Möglichkeiten. Aus dieser Überlegung heraus entwickelte sich in der Noologie die Erkenntnis der "Analogiephase" (siehe auch 6.Kapitel in Noosomatik Band I); sie ist eines der Kriterien der Überprüfbarkeit der Theorie im wissenschaftstheoretischen Sinne: es ist erfahrbar, was tatsächlich geschieht, wenn des Menschen aversiv aufgebautes Abwehrsystem zusammenbricht und er sich selbst begegnet. Das ist die Bewährungsphase für die nooanalytischen Inhalte und für den Willen zur Änderung - und für beide, Nooanalysandin oder Nooanalysand und Nooanalytikerin oder Nooanalytiker, beobachtbar und kontrollierbar.

Nooanalytisch kann gesagt werden, dass Menschen nichts so sehr fürchten wie das, wonach sie sich sehnen. Unsere Sehnsucht gilt u.a. der Erfahrung der Gleichzeitigkeit von "lieben und verstehen". Doch solche Augenblicke erleben Menschen als existenziellen Schock, aus dem sie sich mindestens mit verstärkten Abwehrreaktionen, wenn nicht gar der größtmöglichen Summe ihrer irrtümlichen Fähigkeiten, die ich "Antibild" nenne, schleunigst wieder herausarbeiten. In der Analogiephase gelingt dieses Herausarbeiten jedoch nicht mehr so vollkommen, wie zuvor die allgemeine unterbewusste Arbeit durch die Anwendung des Lebensstiles.

Inhalt von Hoffnung beschreibt die Noologie als "Gewissheit von Seindürfen": die Erfahrung der "geglückten Begegnung von lieben und verstehen", was sich nur im prätraumatischen Zustand von Menschen ansiedeln lässt. Hoffnung muss von der Fülle aus gedacht werden. Hoffen heißt eben auch "Hoffnung haben", d.h. ihren Inhalt kennen - der Inhalt ist annehmbar! Kennen können wir jedoch nur, was es mindestens einmal gegeben hat. Was es jedoch gegeben hat, war da: es hat ein Sein, das vor unserer Wahrnehmung bereits da war. Deshalb bestimmt die Noologie die Hoffnung vom Kausalen her.

Die Nooanalyse zielt also gerade darauf, die existentielle Sorge um Wiederverwundung oder Aufdeckung eines empfundenen Makels, die existenzielle Angst vor der Verletzbarkeit, der "Schwäche" im Zu Stande geglückter Begegnung von "lieben und verstehen" überwinden zu helfen. Dies ist jedoch nur möglich über das, was ich Disziplin nenne: die Lernfähigkeit gegenüber den Widerfahrnissen von "leben" (siehe auch 14.Hauptsatz). Störungen im Lebenszusammenhang, die aus dem Unterbewussten kommen, werden nicht mit dem verfärbten Begriff Krankheit belegt und damit denunziert, sondern als uns belehrende Möglichkeiten, die Ursachen von ihnen, nämlich Blockaden der Lernfähigkeit, zu erkennen, zu bearbeiten und aufzuheben, sofern wir es wirklich wollen. Nicht das Symptom soll belehrt werden, das Symptom will uns belehren.

Die Ursache dafür, dass wir nichts so sehr fürchten wie das, wonach wir uns sehnen, sind unsere Verwundungen selbst. Sie traf auf uns, die wir aus Augenblicken der geglückten Begegnung von "lieben und verstehen" heraus völlig selbstverständlich lebten und dadurch die Umwandlung des Muss (es hatte uns ja keiner gefragt, ob wir leben "wollten") in ein Will leisten konnten. Nun erfahren wir unsere Verwundbarkeit und assoziieren diese mit eben diesem Will, das nun durch Soll und Darf zum Kann im Lebensstil als Überlebensmöglichkeit geformt wird: alles Zeichen der Lernfähigkeit, auch wenn die Folgen gerade diese blockieren können. Existenzfurcht und Sorge darum, wieder verwundet zu werden, begleitet nun unsere Sehnsucht. Und wir machen wieder und immer wieder die Erfahrung, dass so vieles uns verwunden kann oder könnte, dass wir das Zulassen des Inhaltes seiner Hoffnung fürchten lernen und am Ende der vorlogischen Phase diese Errungenschaft in unsere Aversionen der 2.Ordnung einbringen.

Wer Augenblicke der geglückten Begegnung von "lieben und verstehen" erfahren hat, kennt sie als klar, als über jeden Zweifel erhaben, nicht in Worte angemessen fassbar; erkennt sich aber darin als verletzbar. Die Nooanalyse leugnet die Verletzlichkeit des Menschen nicht, sie will aber die Wahrheit des Überlebens der Verwundung als eine stets anwesende Erfahrung darstellen. Und dies geschieht durch Disziplin.